Unter den folgenden Überschriften finden sich projektrelevante Inhalte zu den jeweiligen Schlagworten.

Wissenschaftsdisziplinäre Verortung

Für ein Projekt, das gelingende Kommunikation im Alter einerseits in mittelständischen Unternehmen und andererseits im sozialen Umfeld von Menschen nach dem Ende der Erwerbsphase untersuchen will, liegt die wissenschaftliche Verortung nicht auf der Hand. Der Fokus 'sprachliche Kommunikation' legt eine (sozio-)linguistische Untersuchung nahe. Wird dagegen der Aspekt Alter hervorgehoben, wäre eine gerontologische, psychologische oder sozialwissenschaftliche Herangehensweise denkbar. Allerdings geht es im Projekt Ge-Kom (Gelingende Kommunikation im Alter) nicht um einen Beitrag zur Theoriebildung, sondern um die Anwendung von Theorie auf einen Ausschnitt sozialer Wirklichkeit, der von verschiedenen wissenschaftlichen Grundlagendisziplinen bearbeitet wird. Insofern handelt es sich um ein interdiziplinäres Projekt, das in keiner der genannten Grundlagendisziplinen allein verortet ist.

Damit Interdisziplinarität nicht zu Eklektizismus wird, ist die Offenlegung und Begründung der verwendeten Ansätze, Modelle und Theorien samt ihrer disziplinären Entstehung erforderlich. Dies soll in den folgenden Kapiteln detaillierter eingelöst werden soll. Im Projekt geht es darum, einen Ausschnitt sozialer Wirklichkeit, wie sie sich in sprachlicher Kommunikation konstituiert/darstellt, zu beschreiben und Hypothesen zu Stör- und Förderfaktoren zu generieren, durch die Gelingen oder Mißlingen sprachlicher Kommunikation zwischen verschiedenen Altersgruppen bestimmt wird. Das Projekt nutzt dazu theoretische Ansätzen aus der Diversitätsforschung, betriebswirtschaftlich bzw. arbeits-, betriebs- und organisationspsychologisch orientierten Untersuchungen zur Teamarbeit, sozialpsychologische, soziolinguistische und gerontologisch orientierte Untersuchungen zur Lebensphase 'Junges Alter' und insbesondere theoretische und methodische Grundlagen aus der linguistischen Gesprächsanalyse und der ethnomethodologischen Konversationsanalyse. Vor dem Hintergrund dieser vielfältigen theoretischen und disziplinären Bezüge ist die Klärung der verwendeten Begriffe von besonderer Bedeutung.

Sprache

Was Sprache ist, beschäftigt Sprachphilosophen, Anthropologen und Sprachwissenschaftlicher schon seit Jahrhunderten. In einer übergeordneten Betrachtung ist Sprache eine artspezifische Ausdrucksform, die soziokulturellen Veränderungen unterworfen ist und auf kognitiven Prozessen basiert. Sie wird zur Informationsübermittlung ebenso genutzt wie zur Gestaltung zwischenmenschlicher Beziehungen und zur Tradierung von Wissen und Erfahrung (Bussmann, 2008). In einer strukturalistischen Perspektive ist Sprache ein System von konventionell überlieferten Zeichen, die nach einem bestimmten Regelinventar verknüpft werden. In einer generativen Perspektive wird die menschliche Sprachfähigkeit (Kompetenz) hervorgehoben, die es ermöglicht, endliche Mittel, nämlich die Symbole und ihre Verknüpfungsregeln, schöpferisch zu gebrauchen und dadurch eine unendliche Menge von Äußerungen hervorbringen zu können. Der Gebrauch von Äußerungen ist in einer funktionalistischen Perspektive wesentliches Charakteristikum von Sprache, so dass mit Hilfe von Sprache nicht nur Informationen über physikalische und ideelle Realität unabhängig von Zeit und Raum übermittelt werden können, sondern auch soziale Wirklichkeit gestaltet werden kann.

Sprache ist somit auch ein "Prototyp genuin sozialen Verhaltens" (Fiehler & Freytag, 2006, S. 545). Wissenschaftshistorisch rückte diese Perspektive aber erst seit den 1970er Jahren in die sprachwissenschaftliche Betrachtung. In Abwendung von der sprachtheoretischen Betrachtung des Systems entwickelte sich eine kommunikationsorientierte Linguistik (vgl. Helbig, 1990), die für die theoretischen Grundlagen des Projektes Ge-Kom relevant ist.

Der im Projekt Ge-Kom verwendete Sprachbegriff geht also von einer mündlichen Realisierung von Sprachhandlungen aus, durch die zwischenmenschliche Verständigung ermöglicht und soziale Wirklichkeit kooperativ gestaltet wird. Der so verwendete Sprachbegriff setzt also immer ein Gegenüber voraus.

 

Bussmann, H. (2008). Lexikon der Sprachwissenschaft. Vierte, durchgesehene und bibliographisch ergänzte Auflage. Stuttgart: Alfred Kröner.

Fiehler, K. & Freytag, P. (2006). Sprachliche Kommunikation. In: H.-W. Bierhoff & D. Frey (Hrsg.), Handbuch der Sozialpsychologie und Kommunikationspsychologie. (S. 545-553). Göttingen: Hogrefe.

Helbig, G. (1990). Die kommunikativ-pragmatische Wende in der Sprachwissenschaft seit 1970. Wiesbaden: Verlag für Sozialwissenschaften.

Kommunikation

Ein Sprachbegriff, der nicht allein Sprachzeichen und deren Verknüpfungsregeln, sondern Sprachhandeln und die Gestaltung sozialer Wirklichkeit impliziert, führt hin zum Austausch zwischen Individuen. Dieser umgangssprachlich als Kommunikation bezeichnet Austausch wird auch, aber nicht nur durch Sprache gestaltet. Im Gegensatz zu Sprache, die häufig einem Sprecher (oder einem idealisierten Sprecher-Hörer) zugeschrieben wird, ist das wesentliche Merkmal von Kommunikation, 'dazwischen liegend' zu sein.

Ansätze der linguistischen Pragmatik unterscheiden kommunikatives Handeln von anderen Handlungen durch eine zugrundeliegende Intention. Intentionen als Grundlage kommunikativen Handelns liegen in der Person des Kommunizierenden und werden erst mit Hilfe der Reaktion des Kommunikationspartners rekonstruierbar. Kommunikation ist in diesem Verständnis das Zusammenwirken von sprachlich realisierter Intention und Reaktion des Gegenübers.

Ein alternativer Ansatz der kognitiven Sprachverarbeitung versteht Kommunikation als Informationsübermittlung von Lebewesen (z.B. bei Rickheit & Strohner, 1993, S. 12). Die qualitative Seite von Information ist dabei ihre Bedeutung. Bedeutung ist aber nicht in den sprachlichen Symbolen oder den Verknüpfungsregeln starr fixiert, sondern kann nur dann nicht-reduktiv untersucht und verstanden werden, wenn die Einbettung in eine spezifische Situation berücksichtigt wird. Kommunikation ist demnach eine spezielle Realisierung der menschlichen Situationsbewältigung.

Intention, Reaktion und Situation bilden damit gleichsam das 'Ökosystem', durch das ein handlungstheoretisches Verständnis von Kommunikation veranschaulicht werden kann. Dabei wird der monologische Charakter einer durch die Reaktion eines Kommunikationspartners bestimmten Intention dadurch überwunden, dass jede Mitteilung nicht nur situativ, sondern auch sequenziell eingebettet ist. Jede Mitteilung knüpft an eine vorausgegangene an, enthält eine Deutung der vorangegangenen Mitteilung samt ihrer Intention und eröffnet gleichzeitig Möglichkeiten, mit einer eigenen Intention die Deutung mitzuteilen. Erst durch die Sequenzialität und die Bezugnahme zwischen Mitteilungen in konkreten Situationen werden Bedeutungen und über die konventionalisierte Bedeutung hinaus kommunikative Sinnkonstrukte ausgehandelt und der dialogische Charakter von Kommunikation realisiert. Kommunikation, die ausschließlich zwischen Gesprächspartnern existiert und im situierten Aushandeln von kommunikativem Sinn durch Gesprächsteilnehmer besteht, ist nicht bloß 'Handeln', sondern immer auch soziales Handeln. Sozial meint dabei nicht das alltagssprachliche Verständnis von sozial im Sinne von 'auf das Wohl anderer Menschen bedacht', sondern in Anbindung an ein soziologisches Verständnis wechselseitig auf andere Menschen bezogenes Handeln.

Für das Forschungsfeld Linguistik könnte der Begriff Kommunikation zu generell sein (Imo, 2013, S. 22). Außerdem sei er wegen der Verbindung zu soziologischen (z.B. => Konversationsanalyse) und kommunikationswissenschaftlichen Ansätzen (z.B. => Psychologische Kommunikationsmodelle) für eine genuin linguistische Sichtweise weniger geeignet.

Im Fokus des Forschungsprojekts 'Gelingende Kommunikation im Alter' geht es aber weniger um die Präzisierung, Erweiterung oder Prüfung linguistischer Theorien, sondern um sprachlich-kommunikativ realisiertes Handeln, das in konkrete Situationen eingebettet ist und durch das sequenziell verknüpfte Wechselspiel eines Dialogs oder Gesprächs kommunikativen Sinn aushandelt und so soziale Wirklichkeit schafft. Für die Untersuchung sozialer Wirklichkeit (in altersgemischter Kommunikation) wird im Projekt Ge-Kom ein so bestimmter Kommunikationsbegriff zugrunde gelegt.

Rickheit, G. & Strohner, H. (1993). Grundlagen der kognitiven Sprachverarbeitung. Stuttgart: UTB.

Imo, W. (2013). Sprache in Interaktion. Analysemethoden und Untersuchungsfelder. Berlin: deGruyter.